Ute Braun


Startseite

Naturheilpraxis
von Oktober bis Mai

Hirtin
von Mai bis Oktober

Auszeitberatung

     Autorin 

Film und Ton

Angebote, Termine
von Oktober bis Mai


Impressum





 
Mein Kräutersommer
Neue Geschichten, Erlebnisse
und Rezepte von der Alphirtin

Inhalt

Mein Weg zu den Kräutern
Meine Winterheimat
Mein Sommerleben
Gundelrebe – die wilde Schwester der Petersilie
Zitronenmelisse – mein Schmierseifenkraut
Löwenzahn – für Mensch und Hase
Brennnessel – ein vielseitiger Plagegeist
Schlangenknöterich – spielend versorgt
Weg-Malve – ein Problem mit Biss
Quendel – ein Hauch von Ameisen und Abenteuer
Sanikel – heilt alle Wunden
Frauenmantel – mein Morgengenuss
Wegerich – der goldfädige Retter
Kümmel – eine Wohltat, nicht nur für Verliebte
Wacholder – erste Hilfe in fast allen Fällen
Kamille – blühende Mutterliebe
Augentrost – Trost zum Abschied
Mein kleines Kräuterlexikon
Nachklang


 

Gelobt seist Du durch Bruder Sonne.
Er ist der Tag, und Du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz.
Gelobt seist Du durch Bruder Wind und durch Luft
und Wolken und heiteren Himmel und jegliches Wetter,
durch das Du deinen Geschöpfen den Unterhalt gibst.
Gelobt seist Du durch Schwester Wasser.
Gar nützlich ist es und demütig und kostbar und klar.
Gelobt seist Du durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns ernähret und trägt und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.

Meine Essenz des Sonnengesangs

von Franz von Assisi
 

 

Mein Weg zu den Kräutern

Das Gras und die Kräuter waren unter den schon wärmenden Sonnenstrahlen schnell gewachsen und standen üppig, wohin das Auge schaute. Einige Teilnehmerinnen der Wanderung füllten nach den Hinweisen der Kräuterführerin ihre mitgebrachten Plastik- oder Papiertüten mit großen und kleinen Blättern. Andere nahmen für jede Pflanze ein neues Blatt von ihrem Block, klebten sie mit einem Tesastreifen darauf und machten sich fleißig Notizen. Wieder andere lichteten das Kraut ab, um sein Bild unversehrt mit nach Hause zu nehmen. Ich hörte nur zu. Dass ich mitlief, verdankte ich einer Freundin, deren Geburtstagsgeschenk ich einlöste. Mit jeder Erklärung merkte ich, welch umfangreiches Wissen ich bereits hatte. Doch es erwartete auch mich etwas Neues.
 
Zum Abschluss der Kräuterwanderung wurde ein Teil des gesammelten Grüns mit Essig und Öl zu einem Salat angerichtet. In der Schüssel lagen junge und ältere, große und kleine, glattrandige und gezahnte Blätter. Appetit verspürte ich darauf keinen. Aber nur die dazugereichten Brötchen zu essen, traute ich mich nicht. Also nahm ich auch eine kleine Portion Salat. Die Blätter schmeckten wie befürchtet herb, bitter, sauer, fühlten sich derb und ledrig an. Während ich in meinem Salat herumstocherte, regte sich in mir ein bis dahin unbekannter Gedanke: Mit jungen, frischen, klein geschnittenen Kräutern fange ich an, mein Essen zu bereichern.
 
Das war der Anfang. An diesem Tag im April entdeckte ich meine Liebe zu den Kräutern. Heute glaube ich, dass die Wurzeln dazu schon lange in mir lebendig waren und bereits tief reichten.
Mein Elternhaus am Dorfrand grenzte auf zwei Seiten an Felder und Wiesen. In drei Minuten waren wir im Wald. Nicht, dass ich als Zweitjüngste mit meinen vier Schwestern stundenlang mutig im Wald herumgestreift wäre, das machten wir Mädchen nicht. Aber wir waren viel draußen. Spielten mit dem Ball, sprangen Seil, rannten als Teufel an der Kette, begleiteten Vater beim täglichen Mähen des Hasenfutters, halfen ihm bei der Gartenarbeit, gruben Kartoffeln auf dem kleinen Acker, ließen auf den Stoppelfeldern Drachen steigen, fuhren Schlitten. Wir waren jeden Tag draußen, im Sommer und im Winter.
 
So erlebte ich den Frühling in seinem unbändigen Grün, den farbigen, prächtigen Sommer, das Herbstlaubrot des Kirschbaumes und die schneereichen, weißen Winter hautnah.
 
Im Frühjahr, wenn die Häsinnen meines Vaters Junge hatten, hielten meine Augen ohne Anstrengung jeden Tag Ausschau nach den ersten Rosetten des Löwenzahns. Sie kannte ich auch ohne Blüte. ­
Löwenzahnstechen für das Hasenfutter, bis das Gras so hoch gewachsen war, dass Vater es mit der Sense mähen konnte, das war die Aufgabe der drei Jüngsten.
Ähnlich erging es mir mit Brennnesseln. Ich meine sie schon mein Leben lang zu kennen. Die wogten üppig an allen Ecken, vorm Haus, hinterm Haus, beim Nachbarn und an jedem Feldrand. Beim Sauerampfer war es schon schwieriger. Treffsicher davon ein Blättchen zu erwischen, war Glückssache, die sahen ja aus wie alle grünen Blätter im Gras.
 
Was ich auch noch kannte, waren im Frühling die Wiesenblumen. Wiesenschaumkraut, Buschwindröschen und Sumpfdotterblumen. Schlüsselblumen und Gänseblümchen liebte ich ganz besonders. Im Mai brachten wir alle zwei Tage neue Sträuße nach Hause und tauschten sie aus gegen die verwelkten am Maialtärchen, das zu Ehren der Gottesmutter im Schlafzimmer eingerichtet war.
Ich habe jedoch nie Gänseblümchen für den Salat geholt. Auch keine Brennnesseln, aus denen Mutter Spinat zubereitet hätte. Auf den Tisch, so meine ich, kamen nur zwei Kräutersorten aus dem ­Garten. Wenn es sonntags zum Mittagessen Möhren gab, waren sie mit frischer Petersilie bestreut. Schnittlauch gab es meist nur ein paar Tage nach Ostern als den von uns sogenannten Schnittlauch-Salat. Das war klein geschnittener Schnittlauch mit gehackten Ostereiern in viel Milch-Sahne-Soße, dazu aßen wir Pellkartoffeln. Obwohl es ein besonderes Essen war, hat es mir nie richtig geschmeckt.
 
In Städten fern der Heimat verblasste später meine Erinnerung an selbst gepflückte Wiesenblumensträuße. Mein Interesse an Pflanzen erlosch jedoch nie ganz. Das schließe ich daraus, dass ich während meines Studiums der Kunst und der Physik für das Lehramt einige Male die fachfremde Vorlesung »Geschichte der Pharmazie« be­suchte. Vage erinnere ich mich an ein großformatiges Buch mit Pflanzendarstellungen bis ins kleinste Detail.
 
In meinem ersten Alpsommer überfluteten mich das Grün der Weiden, das dunklere Tannengrün, die Farbenpracht der Blumen. Ich hatte Arbeit und Wohnung in Köln aufgegeben, um von Mai bis ­Oktober Rinder auf einer Alp in den Schweizer Bergen zu hüten. Ein glücklicher Sommer!
 
Meine Morgenarbeit war, die dreißig Rinder von der Weide nach Hause zu treiben und im Stall anzubinden, die kleine Ziegenherde zu melken und die Milch zu Käse zu verarbeiten. Bis zum Abend, wenn ich die großen Tiere rauslassen und den Stall misten musste, konnte ich mir meine Arbeit und Zeit frei einteilen. Ich verbrachte sie bei jedem Wetter draußen und hatte immer mein Blumenbestimmungsbuch dabei. Es war griffbereit beim Reisigholen, Zäunekontrollieren, auf dem Weg zum Holzplatz am Waldrand, beim Ziegensuchen, beim Gang ins Dorf. Ich kniete neben weißen, gelben, rosa und blauen Blüten und blätterte in meinem Buch, um ihr Abbild zu finden. Den weißen Hahnenfuß, den kein Tier fraß, erkannte ich schnell wieder. Dass er ein Anzeiger für Feuchtgebiete ist, hörte ich an dem ­Quatschen unter meinen Schuhen. Eine feine, lila zerzauste Blüte war mir auch bald vertraut. Doch ihr Name, Kuckuckslichtnelke, fand lange keinen Platz in meinem Hirn. Da half auch keine Eselsbrücke, ob das Wortspiel nun mit Adler oder Meise anfing oder mit Rosen oder Tulpen endete. Und Wasserminze zerrieb ich so lange zwischen meinen Fingern, bis sie ihren muffigen Pfefferminzgeruch freigab.
 
Neben dem Blumenbuch hatte ich mir Leben auf dem Lande gekauft, ein Nachschlagewerk für alle erdenklichen Situationen und offenen Fragen. Dazu eine Sternenkarte und das Büchlein Wildgemüse-Kompaß. Es begleitete mich in meinem nächsten Alpsommer.
 
Um das Glück des ersten Sommers ein zweites Mal zu erleben, kam ich nämlich wieder. Das Büchlein schien eigens für mich gemacht zu sein. Ich blätterte stundenlang darin, schaute mir die Fotos an, las abends im Bett bei Kerzenschein und morgens schon vor dem Aufstehen. Dass Löwenzahnblätter als Salat gegessen werden können, gefiel mir. Aber Wiesenschaumkraut als Gewürz an Suppen, das konnte ich mir nicht vorstellen. Und Gänseblümchenblüten kauen und schlucken, nie!
 
Sehr praktisch fand ich, dass unter jedem Pflanzenfoto ein Blatt, eine Blüte oder eine Wurzel gezeichnet war, sodass ich auf den ersten Blick wusste, welchen Teil der Pflanze ich in der Küche verwenden konnte. Im Anhang hatte das Büchlein eine Zusammenfassung. Über der letzten Spalte stand »Nutzen für die Gesundheit«. Mir wurde bewusst, dass all diese Kräuter dem Körper helfen, gesund zu bleiben oder zu werden. Immer wieder verglich ich die Qualitäten der Pflanzen miteinander und fasste sie nach langem Studieren grob unter zwei Hauptmerkmalen zusammen: reinigend und aufbauend. Die Seiten mit den Grund- und Spezialrezepten für die Küche überschlug ich regelmäßig. Ich verspürte nicht den Wunsch, ein Blatt zu pflü­cken, draufzubeißen, um den Geschmack kennenzulernen, oder es mitzunehmen, klein zu schneiden und über mein Essen zu streuen. Wenn ich mir einen Salat zubereitete, ging das mit der Salatkräutermischung aus dem Tütchen im Fünferpack stets einfach, schnell und sauber. Und ich hatte zuverlässig immer den gleichen, richtigen Geschmack. Mit anderen Worten, ich habe mein Wissen in keiner Weise praktisch umgesetzt – bis zu jener Kräuterwanderung in meiner Winterheimat, als ich beschloss, dem wild wachsenden Grün in meinem Essen einen Platz zu geben.
 
Schon vor dem nächsten Mittagessen ging ich auf die Wiese hinter dem Haus, entschied, dass drei eine gute Zahl zum Anfangen sei, und pflückte je drei junge Blättchen Löwenzahn, Schafgarbe und Gundelrebe. Klein geschnitten unter den Salat gemischt verliehen sie dem Salat etwas sehr Feines.
 
In den verbleibenden zwei Wochen meines Winterhalbjahres, wenn ich an der Reihe war, das Mittagessen zu kochen – vegetarisch, seit ich beim Schlachten meines Sommerschweines zugesehen hatte –, holte ich von draußen junges Grün und gab es in den Salat. Als ich die Menge der Kräuter erhöhte, fand das bei keinem meiner Mitesser Anklang. Einzig meiner Zunge gefiel es.
 
Die Löwenzahnblüten waren für mich das Zeichen zum Aufbruch. Da es nichts gab, was ich lieber gemacht hätte, ging ich Anfang Mai wieder in die Schweizer Berge, jedoch auf eine Alp im Nachbartal. Auf 1200 Meter Höhe stand in den Mulden das Schmelzwasser vom letzten Schnee und der Frühling steckte noch in den Kinderschuhen. So konnte ich dem heranwachsenden Grün ein zweites Mal in diesem Jahr begegnen. Meine Idee, hier die Kräuter im großen Stil zu mischen, setzte ich jedoch nur zögerlich um. Denn für mich Essen zuzubereiten und allein am Tisch zu sitzen, war schwer wie im Sommer zuvor. Aber erstmals einen eigenen Garten zu bestellen, das gefiel mir.
 
Während Liebstöckel, Majoran, Zitronenmelisse und Schnittlauch ohne mein Zutun wuchsen, bedeutete alles andere richtig Arbeit: Die Winterschollen von der Grasnarbe befreien, Berge von Unkraut jäten, Beete anlegen, Saat und junge Pflanzen dem Boden übergeben, ich machte alles gerne. Der Stolz des Gelingens erfüllte mich, als ich den ersten, noch kleinen Pflücksalat schnitt. Mit Löwenzahn, Sauerampfer und Wegerich gewürzt schmeckte er so köstlich, dass ich die Mischung zum Standard erkor.
Mit Brunnenkresse oder Wiesenschaumkraut oder Bärlauch, haltbar gemacht in Öl, spielte ich beim Dazugeben. Als Sammelplatz für die Kräuter bevorzugte ich die Heumatte vor der Hütte. Der Weg dorthin war kurz, es gab keinen frischen Rindermist und nach der Heuernte wuchs junges Grün nach.
Später im Sommer, als Möhren, Fenchel und Kohlrabi erntereif waren, machte ich daraus lieber Salat als Gemüse. Ich würzte ihn mit den frischen Gartenkräutern und fügte besonders gerne Quendel, den wilden Thymian, hinzu.
 
Den Rhythmus, im Sommer auf der Alp und im Winter in Deutschland zu leben, behielt ich schließlich bei. Mit der Zeit wurde mir die Alp zur Sommerheimat und ich erweiterte meinen Garten mehrmals. Um Kräuter haltbar zu machen, trocknete ich sie. Ich merkte aber, dass mein Bedarf daran gar nicht so groß war, weil ich bis in den Herbst hinein frische Kräuter verwendete. Ich stellte fest, dass mein Lieblingstee aus den Blättern der Schwarzen Johannisbeere nur frisch gebrüht so köstlich aromatisch schmeckte. Während getrockneter Salbei seinen einzigartigen Geschmack auch als Tee gegen Halsschmerzen im Winter entwickelte. Ich legte Wermut in Wein und Honig ein und trank das Elixier bei Magenbeschwerden nach dem Essen. Ich kochte die Früchte der Heckenrose in Anlehnung an den Satz: »Täglich ein Esslöffel Hagebuttenmus und die Erkältung kommt gar nicht ins Haus.« Ich übergab der Erde ein Glas Spitzwegerich, geschichtet mit Rohrzucker, in der Hoffnung, daraus würde Hustensaft.
Ich legte Wegerich auf Wunden und badete bei Entzündungen im Aufguss der Weg-Malve. Ich kreierte schlichte und aufwändige Gerichte mit Kräutern. Ich war erfolgreich und frustriert, hatte viel Freude und machte mir viel Arbeit.
 
Am nachhaltigsten haben mich bis heute meine Eltern im Umgang mit Kräutern beeinflusst. Schon viele Jahre sorgen sie für ihre Gesundheit ganz nach den Lehren der Hildegard von Bingen. Auch beim Zubereiten ihrer täglichen Mahlzeiten. Diese würzt meine Mutter ausschließlich nach der Kräuterlehre der Äbtissin.
Sobald das erste Grün treibt, bin ich großzügig beim Pflücken von Wild- und Gartenkräutern und in der Zugabe zum Essen. Dabei gilt meine Leidenschaft den wild wachsenden Kräutern. Denn es macht mich immer wieder glücklich zu ernten, ohne zu säen. Diese Begeis­terung, gepaart mit meinen Erfahrungen und meinem Wissen, gebe ich zum Abschluss des Winterhalbjahres in Kräuterspaziergängen gerne an interessierte Menschen weiter.