Ute Braun


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Alm-Träume

Wie die Berge meine Gäste verändern
Inhalt

Willkommen auf der Alp
Frau Holle. Ein Abschied
Iris. Frauen im Überfluss
Stoff. Ein Mann, ein Bock
Anne und Beate. Vertrautes bevorzugt
Hubert. Satt und zufrieden
Felix, Moritz, Jan. Spielend durch den Tag
Felix, Moritz, Jan. Echte Abenteurer
Elis. Beschenkt wie Sterntaler
Robert. Mein Bild von einem Nachbarn
Leila und Vingo. Ein Regentag
Rosa. Landmenschen, Stadtkinder
Lotta. Eine feste Adresse
Jörn. Kreativ im Stall
Markus und Heide. Die männlichste aller Arbeiten
Großfamilie. Ofenwärme – Herzenswärme
Großfamilie. Zwischen den Jahren
Luana. Meine Grande Dame
Paul. Gelebte Gemeinsamkeiten
Lydia. Eine unerschrockene Frau
Paul und Lydia. Alte Herrschaften
Lisa. Ein erster Sommer
Ute. Kommen und gehen
Danke




Willkommen auf der Alp

Schweizer Voralpen.
Eine Alphütte auf eintausendzweihundert Meter Höhe. Weiden, Wald, Rinder, Ziegen, Hund, Kerzenlicht, Quellwasser. Aufstehen mit der Sonne, zu Bett gehen, wenn es dunkel wird.
Ein Traum!
Das Alpleben habe ich eher zufällig kennengelernt. Mein Entschluss, selbst mal einen Sommer als Hirtin in den Bergen zu leben, war schnell gefasst und auch bald in die Tat umgesetzt. Bis heute ist mir nichts begegnet, was ich lieber machen würde, kenne ich keinen Ort, an dem ich meine Sommer lieber verbringen
möchte. Und wenn das Leben kommt wie geplant, werde ich diesen Sommer zum fünfundzwanzigsten Mal in Folge auf der Alp leben. Silberner Alpsommer!
In all den Jahren kamen meine Familie, Freunde, Freundesfreunde und Bekannten mich oft besuchen. Alle hatten Lust auf ein Stück Alpsommer. Alle brachten ihre Wünsche, Vorstellungen, Träume und Sehnsüchte mit. Alle begegneten dem echten Alpleben in seiner Bodenständigkeit, dem Folgerichtigen, der Natur
und den eigenen Ängsten und Herausforderungen. Alle bereicherten auch mein Leben.
Und alle lieferten mir den Stoff für das vorliegende Buch.




Als Kind wusste ich:
Falls ich von zu Hause abhaue,
dann gehe ich auf die Alp, dorthin,
wo meine Tante im Sommer lebt.


Moritz



Frau Holle. Ein Abschied

Es ist schon dunkel. Die Nacht scheint mit jedem Tag früher hereinzubrechen. Wir wollten schon vor einer Weile zu Bett gehen. Nun habe ich noch mal Holz nachgelegt. Das Feuer im Herd prasselt unter den dicken Scheiten. Der Schein von zwei Kerzen erhellt die Küche mit einem warmen Licht. Angezogen von dem brennenden Docht tauche ich die Kuppe des Zeigefingers in das flüssige Wachs. Ein Tropfen läuft über
und erstarrt zur weißen Nase. Die Spitze meines Fingers fühlt sich an wie bandagiert. Unangenehm. Schon arbeitet mein Daumen an der Befreiung. Vorsichtig schält er die Kuppe aus der Gussform. Unter dem Nagel pule ich Wachsreste hervor. Das Spielen mit dem formbaren Material, solange es warm ist, gefällt
mir. Trotzdem habe ich es mir schon lange abgewöhnt. Denn meine Wachskleckereien muss ich am nächsten Morgen selbst vom Tisch kratzen. Desgleichen die brüchigen Wachsformen auf dem Kerzenständer.
Fast abgewöhnt, fällt mir ein, als ich spüre, dass abgekühltes Wachs die Spitzen von Daumen und Zeigefinger zusammenkittet. Damit wird mir meine Unruhe bewusst. Inmitten der spärlich erleuchteten, heimelig anmutenden Küche bin ich innerlich ganz aus dem Häuschen und fühle mich gleichzeitig bleischwer.
Meinen Rücken an den massiven, breitesten Balken der Küche gelehnt, er würde wohl auch einem Elefanten Halt geben, höre ich meinem Gegenüber zu. Eigentlich gehört das Thema schon länger zu uns. Aber jetzt hört es sich endgültig an. Frau Holle hört auf.

Kennengelernt haben wir uns auf einem Älplerfest in Graubünden. Sie stellte sich als »Frau Holle« vor. Wir mochten uns vom ersten Augenblick an. Als Einheimische bewirtschaftete Frau Holle eine Alp im französischsprachigen Jura. Luftlinie liegen gar nicht so viele Kilometer zwischen uns. Aber weil wir nicht
fliegen können, treffen wir uns seither doch nur zweimal im Jahr. Im Mai, kurz bevor meine Tiere kommen, und nach dem Alpabzug zum Ende des Sommers. Die Wochen dazwischen ist Alpsommer, Arbeit und Verantwortung für das Vieh bei ihr und mir.

Die Treffen im Frühsommer lebten von unseren Ideen, die wie Wunderkerzen aufleuchteten, sich versprühten und erloschen. Beseelt von unseren Wünschen – eine winddichte Stube, Ziegen, die sich freiwillig melken lassen, eine Hilfe im Stall, die allwissend und allkönnend sein sollte – entfachten wir begeistert ein kleines
Feuerwerk nach dem anderen.
Es gab auch Themen, die wir nicht teilten. Zum Beispiel meine Suche nach neuen Zauntechniken, damit ich im Frühjahr nicht mehr so viele Weidezaunpfosten auszuwechseln hätte. Die wollen gesägt, angespitzt und entrindet sein, alle Jahre neu. Frau Holle arbeitete ausschließlich mit Elektrozaun, leichten Pföstchen aus Plastik und einem, verglichen mit Stacheldraht, schwerelosen Kabelband. Mein Anliegen war für sie weit weg.
Umgekehrt suchte sie nach Wegen, um zu gutem Trinkwasser zu kommen. Sie schwärmte von meinem wunderbaren, unaufhörlich fließenden Quellwasser. Auf ihrer Alp wurde das Wasser in einer Zisterne gesammelt und hochgepumpt.
Trotz mancher Unterschiede konnten wir uns gegenseitig immer bestätigen, unsere Vorhaben und Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Zu der eigenen Begeisterung für das freiwillig gewählte Leben kam die der anderen hinzu. Es fühlte sich an, als potenzierte sich die eigene innere und äußere Kraft durch die Motivation der anderen. Stets trennten wir uns glücklich in der Zuversicht: Es wird ein guter Sommer.
Wenn wir, zwei mehr als zufriedene Hirtinnen, uns im Herbst trafen, schienen vierundzwanzig Stunden für unseren Austausch nicht zu genügen. Wir übertrafen uns gegenseitig in der Beschreibung überstandener Abenteuer. Berichteten von Niederlagen und Erfolgen. Erzählten Tiergeschichten, Menschengeschichten,
Schauergeschichten, Liebesgeschichten. Wir trafen uns als Verbündete, die sich verstanden. Kein Mensch hätte nachvollziehen können, wie lang und breit wir über die Käseherstellung diskutierten. Wie es hinkriegen, dass der Käse cremig wird? Und wenn Frau Holle in poetischen Worten ihren stattlichen Ziegenbock beschrieb, wusste ich, wovon sie sprach. Auch von meinem kannte ich den atemberaubenden Gestank, der mir morgens entgegenschlug, wenn ich in den Stall kam.
Wenig bis keine Aufmerksamkeit gaben wir dem Thema Winter, obwohl der dann bereits vor der Tür stand. Frau Holle ging geradewegs von der Alp aus zu ihrem Arbeitsplatz zurück. Als Sozialarbeiterin mit vielen Dienstjahren wurde sie für Monate freigestellt. »Du Glückliche!«, sagte ich. Für sie war es selbstverständlich,
im Sommer auf die Alp gehen zu können und dennoch einen geregelten Winter zu haben.

Dann änderte sich die Situation von Frau Holle. Ihr Arbeitgeber hatte ihr mitgeteilt, er könne ihren Arbeitsplatz über den Sommer nicht länger frei halten. Er hatte sie vor die Wahl gestellt, entweder komme sie das ganze Jahr hindurch oder er müsse ihr kündigen.
Frau Holle ließ sich Zeit mit dieser schwerwiegenden Entscheidung. Sie fertigte Listen an, die ihr zeigen sollten, wie viele Vorteile welche Entscheidung hätte. Ebenso Listen mit den Nachteilen. Sie verwarf das Geschriebene und suchte nach anderen Wegen, um sich die Wahl zu erleichtern. In ihrem Herzen war
klar: alles, nur nicht den Alpsommer aufgeben. Ihre Überlegungen brachten sie zu einem anderen Ergebnis: Ein festes Wintereinkommen ist Gold wert. Zuletzt wählte Frau Holle gegen die Argumente der Vernunft, ihre Sommer weiter in den Bergen zu verbringen. Damit waren ihre sicheren Winter vorbei. Mir hat es noch gefallen, dass wir nun eine vergleichbare Herausforderung im Herbst hatten. So verband uns auch noch die
Suche nach einem interessanten und lukrativen Job für die kalte Jahreszeit.
Meine Winter mussten jeden Herbst neu erfunden werden. Sie waren ungewiss, seit dem ersten Alpsommer. Ich hatte meinen Arbeitsplatz und meine Wohnung in der Stadt gekündigt. So gab ich mit der Rotfärbung der Kirschbaumblätter als ersten Schritt meine Wünsche nach einer Arbeit an das Universum weiter. Damals ahnte ich noch nicht, dass sich aus meinem Interesse an der Heilkunst eine Tür auftun würde.
Frau Holles Bemühungen, einen Arbeitsplatz nur für den Winter zu finden, waren groß und mühsam und erfolglos. Als Aushilfe arbeitete sie auf einer Hühnerfarm, bis sie keine Eier mehr sehen konnte. In der Vorweihnachtszeit erreichte sie gute Quoten als Tannenbaumverkäuferin. Vor Ostern half sie aus in einem Laden, der ausschließlich Schokolade führte. Unter tausend Sorten, die sie alle gekostet hatte, war keine dabei, die sie auch nach dem Schlucken noch glücklich gemacht hätte. Auf zwei unzufriedene Winter folgte jeweils der heiß ersehnte Sommer – das eigentliche Leben. Auch darin stimmten wir nun überein: Der Winter, ein notwendiges Übel, ist nur der Übergang von einem Sommer zum nächsten.

Unterdessen ist die Küche kalt geworden. Eine jungfräuliche Kerze hat den Platz des Stummels eingenommen. Davon lasse ich die Finger weg. Mir gegenüber beobachte ich Frau Holle. Im Schein der Kerzen sind ihre Gesichtszüge weich. Ihre Worte nicht. Ich höre sie. Ich verstehe sie. Und verstehe sie nicht. Es sei an der Zeit, das Älplerleben aufzugeben. Sie sei es leid, ständig zu überlegen und zu rechnen, wie sie es mit den Finanzen machen solle. Ihre Miete in der Stadt richte sich nicht danach, ob sie in den Sommermonaten ihre Wohnung nutze, untervermiete oder leer stehen lasse. Und der Sommerlohn habe nie gereicht, um die festen Ausgaben plus Alltagskosten in dieser Zeit zu decken. Außerdem habe sie ein verlockendes Angebot von ihrem alten Arbeitgeber, das könne sie einfach nicht ausschlagen.
Um mich zu vergewissern, ob ich sie richtig verstehe, fasse ich das Gehörte zusammen: »Der Alpsommer ist zum Luxus geworden, den du dir nicht mehr leisten kannst und willst.« Frau Holle nickt. Damit habe ich nicht gerechnet! Unausgesprochenes aus unterschiedlichen Richtungen meines Hirns bedrängt mich: Wieso eigentlich nicht? Wieso tust du so blind, so taub? Was ist daran so schlimm? Ihr Entscheid hat auf dein Leben sowieso nur wenig Auswirkung.
Am schlimmsten ist das Gefühl von Verlust. Ich will Frau Holle nicht verlieren als Mitstreiterin, als Hirtenkollegin, als Glücks- und Leidensgenossin. Beruhige dich!, meldet sich eine tröstende innere Stimme zu Wort: Im Grunde sind wir immer allein! Im Geiste bin ich den ganzen Sommer über mit ihr verbunden, hält
eine andere dagegen. Diese Diskussion in mir währt noch, als ich im Bett liege.
In der Nacht werde ich wach. Fragen ohne Antworten plagen mich: Mache ich es richtig? Stimmt mein zweigeteiltes Leben noch? Ist der Preis für den Alpsommer gerechtfertigt? Will ich ihn weiter zahlen? Welche Alternativen sehe ich? Nach langem, unruhigem Liegen in der Dunkelheit bin ich froh, als es tagt. Meine Entscheidung steht. Solange mir nichts begegnet, was ich im Sommer lieber machen möchte, gehe ich auf die Alp! Der Rest wird sich zeigen.

Was Frau Holle nach dieser langen Nacht am Küchentisch bei mir blieb, war, ihren Urlaub auf der Alp zu verbringen. Mir war sie herzlich willkommen. Und sie kam regelmäßig für eine Woche. Es war immer eine super Zeit. Sie kannte alle Arbeiten. Sie liebte alle Arbeiten. Sie freute sich, sooft sie morgens das erste
Rind sah. Ihr Besuch gipfelte jeweils in einer Herausforderung, die sie sich selbst auferlegte. Nach drei Tagen Einarbeitungszeit wollte sie die Rinder am Morgen allein im Stall anbinden. Ich glaube, um sich selbst und mir zu zeigen, dass sie es noch konnte.
Sorglos genoss ich es, lange im Bett zu liegen. Das Getrampel der Herde unter mir im Stall zu hören war Musik für meine Ohren. Als besonderes Geschenk nahm ich es, wenn Frau Holle mir nach dem Einstallen eine Tasse Kaffee ans Bett brachte. Herrlich! Als besonderes Glück empfand ich es, wenn ihr Besuch mit der Heuernte zusammenfiel. Dann tanzte das Gras Runde um Runde auf unseren Gabeln, während wir nebeneinander gingen und stundenlang erzählten.
Am Ziegenmelken und an der Käseherstellung hatte sie keinen Spaß. Dafür liebte sie es, das Mittagessen auf dem Herdfeuer für uns zu kochen. Und ich liebte es, mich an den Tisch zu setzen, ohne gekocht zu haben. An ihrem letzten Urlaubstag wurde sie jedes Mal schweigsam und nachdenklich. Wenn sie sich zum Abschied Tränen abwischte, war ich froh, dass ich noch bleiben konnte. Frau Holle gehörte, wenn auch nur für Tage, zu meinen Alpsommern dazu. Für mich hätte es ewig so weitergehen können.

Einen Sommer kam von ihr die Nachricht, dass sie keinen Urlaub in meiner Alpzeit bekomme. Sie fehlte mir. Im Jahr darauf kam sie, für mich viel zu kurz. Die Abstände ihrer Besuche wurden größer. Manchmal kam sie auf der Durchreise vorbei und blieb bis zum nächsten Tag. Einmal noch fragte ich sie, ob sie sich vorstellen könne, mich für zwei Tage zu ersetzen, weil ich zu einer Fortbildung wollte. Die Lust dazu verspürte sie, traute
es sich aber nicht mehr zu. Das Leben! Nichts ist beständiger als die Veränderung.

Wenn ich heute Möhren mit Kartoffeln als Eintopf koche, gebe ich zum Schluss einen Schuss Milch dazu in Erinnerung an meine einstige Weggefährtin. Es war an einem sonnigen Tag Ende September. Mit dem Traktor wurde der Sommermist als Dung auf die Weide gefahren. Frau Holle war zu Besuch. Während meine
Hände bei der Arbeit draußen gebraucht wurden, hatte sie gekocht. Hoffentlich genug, dachte ich, als alle Helfer um den Tisch saßen. Wir zwei schauten uns an und verstanden uns. Sie rührte dem Kartoffel-Möhren-Eintopf zur Verlängerung Milch unter. Das einfache Gericht schmeckte unübertrefflich gut.

An Tagen, an denen mir nichts recht von der Hand gehen mag, bin ich glücklich, wenn Frau Holle mir einfällt. Desgleichen an Tagen, an denen die Tiere die Oberhand zu gewinnen drohen. Und besonders an Tagen, an denen die Verzweiflung sich ungebeten neben mich auf die Bank setzt, danke ich allen Kräften, die mir ihre Worte in Erinnerung rufen. Bei ihren letzten Besuchen hat sie mir zum Abschied stets versichert: »Die Alp war meine beste Lebensschule.« Daraufhin wollte ich immer hören, was sie in dieser Schule gelernt habe. Sie wurde sehr aufrecht und gab mir mit einem Leuchten in den Augen wieder:

Es steckt ein unendliches Potenzial in mir.
Ich kann vieles schaffen.
Ich kann alles lernen.
Ich kann allein sein.
Ich brauche nicht zu verzweifeln.
Es geht immer weiter.