Ute Braun


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Alpsommer

Mein neues Leben als Hirtin

Inhalt

Ich bin Hirtin

Aufstieg
... in eine neue Zeit
... in einen neuen Sommer

Pflichten und Freiheiten
Allein unter Rindern
Wasser vom Himmel und aus der Erde
Willkommene und ungebetene Gäste
Vom Suchen und Finden

Allein und doch nicht einsam
Begegnungen mit der Natur und den Menschen
Helfen und Hilfe annehmen
Facetten des Lebens

Leben im Rhythmus mit der Natur
Seiten der Dunkelheit
Gelesenes und Gelebtes
Nicht aufgeben, dranbleiben!
Köstlichkeiten aus erster Hand

Alpabzug
Ende eines reichen Hirtensommers
„Wenigstens noch hundert Jahre!“

 

Ich bin Hirtin
Stehe auf, wenn es hell wird.
Höre die Morgenrufe der Vögel.
Sehe, wie die aufgehende Sonne den Tau im Gras glitzern lässt.
Beobachte die Rinder beim Weiden und lerne ihre Bewegungen und ihre Stimmen verstehen.
Freue mich über den Kuckucksruf und weiß die Plätze, wo die Beeren wachsen.
Erlebe den Sturm, den Blitz, den Regen und die sengende Sonne.
Mag die Dämmerstimmung am Abend, wenn der Wind kühl wird.
Durchlebe dunkle und helle Nächte, bei Neu- und bei Vollmond.
Kenne die feuchten, verhangenen Nebel, den Duft des Mooses und des Feuerrauches.
Sehe, wie die Alp im Frühling grün wird und im Herbst gelb, wie die Bäche ansteigen und versiegen.
Kenne den Stolz des Gelingens und die Furcht des Versagens.
Bin dabei, wenn Tiere zur Welt kommen und wenn Tiere sterben.
Kenne die Lust des Alleinseins und die Freude der Begegnung.

 

Aufstieg
... in eine neue Zeit
Jetzt habe ich nur noch mich. Mich, auf einer Weide im Nebel. Wo komme ich her, wo will ich eigentlich hin? Mein altes Leben und meine Arbeit in der Stadt habe ich aufgegeben, zurückgelassen meine Freunde und meine Familie. Jetzt habe ich nur noch mich. Mich und meinen Rucksack, den ich viel zu voll gepackt habe. Er wiegt schwer. Ebenso die Reisetasche in der rechten Hand und die Plastiktüte in der linken. Meine Schultern werden lang und länger, meine Schritte klein und kleiner. Es geht bergauf. Ich bleibe stehen und setze die seitlichen Lasten am Boden ab. Tief Luft holen. Es wird schon irgendwie hinhauen mit meiner Idee, den Sommer auf einer Alp zu verbringen.
Die Welt ringsum hüllt sich in Nebel und tiefe Stille. Geheimnisvoll ist alles, wundersam. Doch statt den Augenblick zu genießen, gehen mir immer dieselben Gedanken durch den Kopf, in einem unaufhörlichen Kreis von Für und Wider. War meine Entscheidung richtig? Dass ich die Wohnung gekündigt habe, war unvermeidlich. Bei Alexandra sind der große Schrank, der Spiegel und die Kommode in guten Händen. Die vielen anderen Dinge, die ich verliehen habe, werde ich im Herbst ja zurückbekommen, und das meiste ist schließlich untergestellt – in einer Garage. Nein, deshalb brauche ich mir wirklich keine Sorgen zu machen. Oder doch?
Zunächst gilt es, all die Schätze aus meinem Auto den Berg hoch zu tragen. Wie werden meine Lungen, die Knie, der Rücken und mein Wille das mitmachen, wo mir schon bei der ersten Steigung die Kräfte schwinden? Wenn ich mir beim zweiten Mal die Bücherkiste auf den Rucksack binde, die Tüte mit dem Malkram an die Hand nehme, mich beim dritten Mal auf die frischen Lebensmittel beschränke, beim vierten Mal|..., dann brauche ich diesen Weg nur acht Mal zu machen und fast alles wird oben sein. Zwei bis drei Mal täglich den Berg von der Alphütte runter und wieder rauf, das macht etwa drei Tage Arbeit. Ja, das kriege ich hin.
Nachdem sich mein Kopf mit der Planung des Aufstiegs zufriedengibt, kommen die nächsten Bedenken: Was mache ich, wenn es heute Abend dunkel wird und ich Angst habe? Halt, nicht weiter fantasieren – die Füße auf dem Boden und die feine Feuchtigkeit des Nebels auf dem Gesicht spüren. Vor meiner eigenen Angst habe ich schon jetzt Angst. Und was ist, wenn ich mich allein nicht aushalten kann? Bei diesem Gedanken spüre ich, wie mir die Luft wegbleibt. Sind das wirklich die Herausforderungen, denen ich mich stellen will?
Jemand schubst mich am Bein. Ach, dich habe ich völlig vergessen, Blessi, du guter Hund. Dass du überhaupt mit mir gekommen bist, ist ein Glück! Ich habe dich vor einer halben Stunde bei deinem Herrchen abgeholt. Er leiht dich sozusagen den Sommer über an mich aus. Du bist vertrauensvoll ins Auto gesprungen, ohne zu wissen, wohin es geht, ob ich genug zu fressen dabei habe, ob es eine lange Reise werden wird. Du bist ganz selbstverständlich mit mir gekommen. Oder hast du mich vielleicht doch verstanden, als ich dir sagte „Es geht auf die Alp“?

Einen Sommer lang Rinder hüten zu wollen, obwohl ich mich Tieren nicht nahe fühle, ist ein seltsamer Plan. Schon als Kind legte ich Wert auf eine gewisse Distanz zwischen mir und allen Viechern. Ganz anders als meine kleine Schwester. Sie hatte eine Katze, ihre beste Freundin, der sie alles anvertraute. Ich dagegen stieg auf den nächsten Stuhl, sobald sie zur Tür hereinkam. Irgendwo hatte ich gehört, man könne an einem Katzenhaar im Rachen sterben. Einmal glaubte ich sogar deutlich zu spüren, dass ein solches Haar in meinem Hals gelandet sei, und erwartete mein baldiges Ende.
Alle Tiere waren mir unheimlich, nicht nur die Katzen. Und je näher sie kamen, desto unheimlicher wurden sie mir. Selbst ein Bild flößte mir Angst ein. Wenn meine ältere Schwester mich ärgern wollte, holte sie eine alte Ausgabe der Zeitschrift Der Tierfreund hervor. Das Umschlagfoto zeigte das Facettenauge eines Insekts. Riesengroß, schwarzweiß. Sie schlich sich von hinten an mich ran und hielt es mir plötzlich vors Gesicht. Augenblicklich blieb mir fast das Herz stehen, ich schrie wie am Spieß und schoss aus dem Zimmer. Sie hinter mir her. Das Foto im Rücken rannte ich, als ginge es um mein Leben. Durchs ganze Haus. Obwohl sonst langsamer als meine Schwester, konnte ich angesichts der Bedrohung meinen Vorsprung halten, hielt durch, bis es ihr langweilig wurde und sie mich in Ruhe ließ. Bis zum nächsten Mal.

Blessis Fell ist warm und weich. Er sitzt jetzt da, fest gelehnt an mein rechtes Bein. Stütze ich ihn oder er mich? Bei genauem Hinfühlen meine ich, Letzteres zu spüren. Das tut gut. Es ist Mitte Mai und mir bleiben noch zwei Wochen allein mit dem Hund, bis die Tiere kommen. Fünfunddreißig Rinder und ein paar Ziegen sollen es sein. Viel mehr weiß ich nicht, als ich mein Gepäck wieder in die Hände nehme und weiterlaufe. Gut, dass ich spüre, was mich treibt: Die Suche nach Herzerfüllenderem.
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